Mit Gedanken in der Ukraine

Am 1. März 2022, wäre die FIM-Family mit Trainer:innen und Ausbildner:innen des FC Zürichs, der Fundação Benfica (SL Benfica) und der FOOTBALL IS MORE foundation nach Lviv in die Westukraine gereist, um im Kinder- und Jugenheim „Pokrova“ von Don Bosco Jugend weltweit Betreuer:innen auszubilden. Die Ausbildung hat zum Ziel, die Betreuung von Kindern mit und ohne Behinderung auf und neben dem Sportplatz zu fördern.


Jetzt herrscht dort Krieg. Anstatt Fussball zu spielen, wurden die Kinder in befreundete Kinderheime in die Slowakei gebracht – in Sicherheit.


Vor Ort hält Helmut, der deutsche Koch, die Stellung. Seit 8 Jahren lebt er in Lemberg – so heisst die Stadt auf Deutsch. Vorher war er im Osten der Ukraine. Die Situation war ihm wegen des Krieges im Donbass aber zu gefährlich. Aus diesem Grund ist er schon nach drei Tagen wieder in den Westen gegangen. Auf die Frage, wieso er jetzt in Lviv bleibt und nicht nach Deutschland zurückfährt, meint er nur: „Ich bin halt hiergeblieben, um zu helfen.“


Seit er 2010 in Rente ging, arbeitet er freiwillig für das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Entwicklungsländern. Nach Einsätzen in Moldawien, Kasachstan, Bulgarien, Indien, Sri Lanka, Jamaica und Algerien ist er seit 2014 in der Ukraine. Im Familienhaus „Pokrova“ kocht Helmut nicht nur für die Kinder, er bildet dort auch junge Menschen zu Köchen aus. Zusätzlich zu den Heimkindern, die hier leben, weil sie Weisen oder Halbweisen sind, oder auch, weil ihre Eltern nicht für sie sorgen können, leben und arbeiten ungefähr 65 junge Erwachsene in „Pokrova“. Diesen ermöglicht die Don Bosco Jugendhilfe eine Ausbildung zu absolvieren. Neben Automechanikern, Schreinern, Friseuren und IT-Spezialisten werden eben auch Köche ausgebildet.


Flucht vor dem Krieg

Seit Kriegsausbruch ertönen immer wieder Sirenen. Aus Sicherheitsgründen mussten alle Bewohner des Kinderheims in den Keller umziehen. Mittlerweile sind die Kinderstimmen verschwunden. Die unsichere Lage und stetige Bedrohung eines Angriffs der Stadt Lviv führte dazu, dass die Verantwortlichen des Waisenheims umgehend nach sicheren Aufenthaltsmöglichkeiten für die Kinder suchten. Ein Bus hat sie am ersten Kriegswochenende in die Slowakei gebracht. Dort wurden sie auf verschiedene Familien und befreundete Kinderheime verteilt. Es wird gut für sie gesorgt. Die Zimmer und Hallen des Kinderheimes blieben nach deren Flucht aber nicht lange leer. Vertriebene aus anderen Teilen des Landes werden jetzt in den Gebäuden von Don Bosco untergebracht. Die Versorgung ist noch gesichert. Helmut hat vorgesorgt: „Wir haben viel eingefroren.“, berichtet er, bevor er das Gespräch wieder beenden muss. Schon wieder tönen die Sirenen – ab in den Keller.


Auch Ulyana ist in Lviv geblieben. Sie hat keine Verwandten im Ausland, zu denen sie flüchten könnte. Vor dem Krieg kümmerte sie sich im Waisenheim um verschiedene Projekte. Eines war das Ausbildungsprojekt „Coach the Coaches“. Zusammen mit den Partnerorganisationen FC Zürich und der Fundaçao Benfica sowie mit Experten von Universitäten wird die Stiftung vor Ort die Ausbildung in unterschiedlichen sozialen und sportlichen Themen durchführen. Zu den Projektteilnehmenden zählen über 50 Übungsleiter:innen und über 1.000 Kinder. Ulyana hofft, dass sie bald an ihren Arbeitsplatz in “Pokrova” zurückkann, um dort die Kinder wieder in ihre Arme zu schliessen.


Die Bestürzung und das Unverständnis angesichts dieses Krieges ist auch bei den Ausbildenden und Organisatoren groß. Nuno Costa von der Fundação Benfica, die mit zwei Trainern in Lviv teilnimmt, sagt: „Wir waren bereit. Unsere Leute haben sich auf den Projektstart gefreut. Für uns ist das Projekt aber nicht abgesagt, sondern nur verschoben. Sobald es möglich ist, werden wir in die Ukraine fahren.“


„Seit 13 Jahren setzt sich die Fundação Benfica, die gemeinnützige Stiftung des Fussballclubs Benfica Lissabon, dafür ein, durch die Strahlkraft des Fussballs die Welt positiv zu verändern. Auch in diesen Tagen sieht man die grosse Solidarität bei SL Benfica. Als dem in Lviv geborenen, ukrainischen Stürmer Roman Yaremchuck bei seiner Einwechslung während des Spiels gegen Vitoria SC die blau-gelbe Kapitänsbinde übergeben wird, demonstrierten ihm 39.846 Zuschauer mit einer Standing Ovation ihre Solidarität.


Neben den großen Bühnen des Fussballs sind solche Projekte wie jenes im Kinder- und Jugendheim „Pokrova“ extrem wichtig. Durch die Trainer-Ausbildung und die materielle Unterstützung vor Ort werden Multiplikatoren und Rahmenbedingungen geschaffen, welche es ermöglichen, auch in Zukunft Kinder und Jugendliche vor Ort zu trainieren, zu fördern und in Gemeinschaften zu inkludieren.

Besonders wichtig an diesem Projekt ist, dass die Betreuenden dazu ausgebildet werden im Sport, Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung gerecht zu werden und diese in einen normalen Tagesablauf zu integrieren. Ein Sportangebot für


Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung ist in der Region Lviv praktisch nicht vorhanden. Dies gilt wahrscheinlich für die ganze Ukraine. Es fehlt nicht nur an finanziellen Mitteln, sondern auch am entsprechend ausgebildeten Personal.


Trotz des Krieges ist die Vision der FOOTBALL IS MORE foundation – eine lebenswerte, inklusive Welt zu schaffen, in der alle Menschen selbstbestimmt und in Würde leben – aktueller denn je.


Hanspeter Rothmund, Geschäftsführer der Stiftung, erklärt: „Wir möchten mit diesem Projekt einen Beitrag leisten für eine Gesellschaft, in der allen Menschen die Möglichkeit geboten wird, ihre Ressourcen auszuschöpfen, ihre individuellen Talente zu entfalten und ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.“


Die Kinder und Jugendliche werden in ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung gefördert und befähigt, Selbstvertrauen zu entwickeln. Durch sportliche Aktivitäten eignen sie sich Werte wie Fairness und Respekt an und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Sie können Selbstvertrauen aufbauen und sollen lernen, eigenständig und verantwortungsvoll zu handeln. Positive Werte wie Freundschaft, Selbständigkeit, gegenseitige Hilfe und Toleranz werden vermittelt. Werte die dem Sport und dem Fussball eigentlich tief zugrunde liegen.


Rothmund erklärt weiter: „Natürlich stehen im Moment die Friedensbemühungen, der Schutz der Menschen und ein gutes und humanitäres Krisenmanagement im Fokus. Wir als FIM-Family werden hierbei natürlich nach all unseren Möglichkeiten unsere Freunde und Partner in der Ukraine unterstützen. Es ist ganz klar, dass wir unsere Projektarbeit wieder aufnehmen werden: für Inklusion UND Frieden!“